Entdecke die Orte der unsterblichen Menschen

Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass du nur weg ziehen musst und somit wahrscheinlich über 100 Jahre alt wirst? Ohne Demenz oder Krebs?

„Burger futtern und alt werden? Wann geht’s los?!“ – Ne ne, nur seinen Wohnort verlagern reicht nicht. Du musst auch die hiesigen Gewohnheiten übernehmen. Es geht um weit mehr als „nur“ Ernährung. 

Wenn du all dies tust, was die Menschen dort auch tun – ja, dann siehts in der Tat wesentlich besser aus, als in unseren Breitengraden.

Doch vielleicht musst du dafür gar nicht irgendwo anders hin? Möglicherweise reicht es, sich nur die Gepflogenheiten anzugewöhnen?

 

Um was gehts?

Es gibt eine Untersuchung von Dan Buettner, einem mehrfachen New York Times Bestseller Autor und dreifachen Weltrekordhalter im Ausdauerradfahren. In einem seiner Bücher beschreibt er, wie er fünf Orte auf der Erde ausgemacht, bereist und genau studiert hat. Er nennt sie Blue Zones

Diese Hotspots zeichnen sich durch eine außergewöhnlich hohe Rate an Ü100 Menschen aus, bei gleichzeitig außergewöhnlich niedriger Rate an Zivilisationskrankheiten. Die allermeisten sind bis kurz vor ihrem Tod körperlich fit und klar im Kopf. (1)

Die Menschen leben aber nicht etwa im tiefsten Amazonas und laufen den lieben langen Tag auf der Suche nach Würmern mit ihrer Keule durch den Busch. Sie haben wie wir auch Strom und Zugang zu anderen technischen Errungenschaften. Okay, moderne Technik wird dort wesentlich weniger genutzt. Aber ich denke, es ist auch kein Geheimnis, dass stundenlang vor Flimmerkisten sitzen der Gesundheit nicht gerade zuträglich ist.

Und eigentlich sind diese Länder auch gar nicht so weit entfernt: Griechenland, Italien, USA (ja wirklich), Costa Rica und Japan.

Quelle: https://vimeo.com/129247217

 

Die Gewohnheiten der Hundertjährigen

Natürlich leben die Menschen in Italien und Japan nicht gleich. Die Länder sind kulturell grundverschieden.
Daher liste ich dir zuerst die Merkmale der Lebensweisen nach Ort auf:

Ikaria, Griechenland:

  • Ernährung: Lokal gewonnene Kartoffeln, Bohnen, Gemüse wie Chorta (ein grünes Kraut, extrem reich an Mikronährstoffen). Moderater Konsum von rotem Wein. Früchte, Zitronen, Olivenöl, Käse wie Feta, Fisch, Bohnen. Viele Gewürze und Kräuter wie Knoblauch, Majoran und Fenchel. Ziegenmilch und daraus entstehende Produkte. Hier und da Ziegenfleisch. Kräutertee (2).
  • Täglicher Mittagsschlaf. Es gibt sogar ein Gesetz zur Mittagsruhe zwischen 14 und 17 Uhr. Die Straßen sind dann wie ausgestorben (3). Das ist Stressmanagement vom Feinsten lieber Leser. Studien zeigen zum Beispiel, dass 3×30 Minuten wöchentlicher Mittagsschlaf das Risiko an Herzkrankheiten zu sterben um 37 % verringert.
  • Viel Bewegung im Alter durch Tätigkeiten wie Gartenarbeit. Das meiste wird per Hand gemacht, elektrische Maschinen gibt es kaum. (4)
  • Sex bis ins hohe Alter. Dass das viele Rumsitzen aufm Arsch schlecht für dein Sexleben ist hatte ich ja bereits geschrieben.
  • Starke Verbundenheit mit der eigenen Familie und langen Freundschaften. Oft leben sie in (religiösen) Kommunen.

Sardinien, Italien
(Im genauen die Orte OgliastraBarbagia di Ollolai und Barbagia of Seulo)

  • Ernährung: Selbst hergestellter Wein. Sehr viel durch Grasfütterung (und somit Omega 3 reiche) gewonnene Ziegen- und Schafsmilch und deren Milchprodukte (5). Etwas Sauerteigbrot oder Gerichte aus Gerste. Mariendisteltee, Mandeln, Tomaten, Kichererbsen, Fenchel, Ackerbohnen.
  • „Jeden Sonntag Liebe machen“ ist ein übliches Ritual. Scheint wohl wie das Erklären von Sachverhalten mittels Gestikulieren von Händen ne Sportart in Italien zu sein. 
  • Sehr viel Bewegung zu Fuß durch das weit verbreitete Schafe hüten und durch die große, felsige Landschaft. (6)
  • Mahlzeiten werden miteinander eingenommen, es gibt viele Feste. Es herrscht ein sehr humorvoller Umgang miteinander (Lachen reduziert deine Stresshormone signifikanter als das stärkste Medikament!).
    Anders als bei uns werden die ältesten als die wertvollsten der Gesellschaft angesehen. Sie kümmern sich um den Nachwuchs, unterstützen die Gemeinschaft mit ihren Renten, geben wichtige Fähigkeiten und Weisheiten weiter. Allgemein ermuntern sie die Jugend und zeigen viel Empathie. Negatives Schubladendenken steht in Verbindung mit Demenz und geistigen Verfall! (7)

 

USA, Kalifornien:
(Loma Linda)

  • Die Menschen sind Mitglieder der religiösen Glaubensgemeinschaft „Siebenten-Tags-Adventisten„. Sie glauben an etwas höheres, spirituelles.
  • Sie meiden strikt Rauchen, Alkohol, Tanzen und Entertainment von Medien wie TV oder Internet. (8)
  • Ernährung: Eine „biblische“ Ernährung mit Vollkorn, Bohnen, Früchten, Nüssen und Gemüse wie Avocados, Wasser. Kleine Mengen von Fleisch und Fisch wie beispielsweise Lachs. Auch Soja und Haferflocken machen einen großen Teil der Nahrung aus. Industriell gewonnener Zucker ist verboten. Studien zeigen, dass vegan lebende Glaubensmitglieder kürzer leben als ihre „allesessenden“ Kollegen. Gegessen wird zusammen mit der Gemeinschaft.
  • Täglich stehen körperliche Aktivitäten auf dem Plan wie Schwimmen, Wandern oder Radfahren. (9)

 

Nicoya Peninsula, Costa Rica:

  • Ernährung: Kürbis und Yamswurzel, Bohnen, Reis und Mais, Käse und Eier, Früchte wie Papayas, Pfirsiche und Bananen, Kräuter wie Koriander. (10)
  • Es wird sehr calciumreiches Quellwasser getrunken. Die Einwohner haben eine niedrige Rate an Herzkrankheiten und Knochenbrüchen. (11)
  • Wieder eine starke Orientierung des Lebens an die Familie, Freunde und Nachbarn. Den ganzen Tag über tauscht man sich aus. Fünf-Generationen-Haushalte sind nicht unüblich. (12)
  • Körperliche Arbeiten werden gezielt forciert und „genossen“. Jeder hat eine Aufgabe in der Gemeinschaft und fühlt sich dazu berufen. 
  • Viel Aufenthalt in der Sonne. Zusammen mit dem hohen Calciumkonsum wundere ich mich nicht mehr über die starken Knochen.
  • Spirituelles wird mittels Praktizierung von alten Traditionen ausgelebt. (13)

 

Okinawa, Japan
(übrigens Japans ärmste Provinz)

  • Ernährung: Viel selbst gezüchtetes Gemüse. Stark jodhaltiges Seegras (14). Grüner Tee, Pilze, Nüsse und Bittermelonen. Beinahe vegan.
    Frauen nehmen viele Phytoöstrogene (wirkt wie menschliches Östrogen) durch Soja auf, das scheint den üblichen Knochendichteverlust nach der Menopause zu hemmen (15).
    Süßkartoffeln und Kurkuma (16). Kurkuma wird auch hierzulande aufgrund der gut erforschten krebshemmenden und für die Herzgesundheit fördernden Wirkung immer populärer. 

  • lebenslang niedrige Kalorienzufuhr und niedriger BMI (17)
  • ein konstant stabiles soziales Netzwerk. Ein dauerndes Miteinander in kompakten Gemeinschaften. Geben und Nehmen. Der soziale Status ist hierbei unwichtig, starke hierarchische Unterschiede gibt es ohnehin nicht (18). Die Leute verweilen in ihren Gruppen (Sie nennen sie „moai“) von Kindesbeinen an bis zum Lebensende.
  • Viel Bewegung. Es gibt quasi niemanden, der nicht Karate, Taichi oder Kendo übt, tanzt oder täglich mehrere Kilometer zu Fuß zurück legt. Es wird auch viel im eigenen Gemüsegarten gearbeitet und Ernten am Wochenmarkt verkauft (19).
  • Es gibt sogar welche, die mit über 90 Jahren noch regelmäßig Sex haben (seltsames Kopfkino…). (20)
Quelle: https://www.flickr.com/photos/centenarian-diet-research/13896009837

 

Praxis

In meinen Augen haben alle Zonen folgendes gemeinsam:

  • Einfachheit: Konzentriere dich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Dass Dinge simpel halten deine Konzentration, Fokus und Laune verbessert, habe ich bereits hier beschrieben. Im Grunde genommen reicht dir gutes Essen + Wasser und ein Dach über dem Kopf, alles andere darüber hinaus ist Schnickschnack. Wozu 3 Jahre verschulden, um statt eines 5er Golfs einen 7er zu fahren?
  • Stressreduzierung: Schlafe ausgiebig. Mach ein Mittagsschläfchen, wenn du die Möglichkeit hast. Meditiere. Geh raus und erde dich in der Natur. Habe eine Sinn für Humor. Arbeite an deinem Mindset. Eine positive Einstellung zum Leben. Sich nicht durch negative Ereignisse aus der Bahn werfen zu lassen. Alles ist ein auf und ab und Teil des Lebens. (21; 22
  • Licht und Sonne: Halte dich so wenig wie möglich in geschlossenen Räumen auf. Hier habe ich genau beschrieben, wie Lichtmangel dich kaputt macht.
  • Gemeinschaft: Halte dir ein aktives Netzwerk aus guten Menschen um dich. Helft euch gegenseitig, zeigt echtes Interesse aneinander. Habe Aufgaben in diesem Umfeld. Sei freundlich und offen zu neuen Menschen. Wie körperliche Nähe den Menschen beeinflusst habe ich in einem anderen Artikel bereits erläutert.
  • Nahrung. Naturbelassenes Essen auf Basis von Pflanzen. Möglichst wenig Industrielles.
  • Bewegung, Bewegung und Bewegung. Niemand raucht dort oder verbringt den ganzen Tag passiv auf der Couch. Geh mittags spazieren, fahr mit dem Fahrrad zu Arbeit, Treppen statt Lift, usw.

 

Die Forscher der Blue Zones etablierten einige einfache Maßnahmen der Blue Zones in der amerikanischen Stadt Albert Lee, Minnesota. Die Lebenserwartung stieg innerhalb kurzer Zeit um drei Jahre und die Kosten der Gesundheitsversorgung sanken um 40 % (23). Heftig, oder?

 

Weitere Inspiration:

Einen Berg schöner Blue Zone Rezepte findest du auf deutsch in diesem Buch oder in englisch kostenlos auf bluezones.com. 

Vor kurzem hat Dan Buettner eine aktualisierte, praxisorientiertere Neuauflage seines Blue Zones Buches veröffentlicht: Klick.

 

Funfact zum Schluss:

Es gibt Menschen aus diesen Gegenden, die nach und nach westliche Gepflogenheiten übernehmen. Sie fahren nicht mehr Fahrrad, sondern Auto. Oder essen Fast Food, Rauchen und trinken ähnlich viel Alkohol.

Resultat: Sie werden genauso übergewichtig und sterben genauso früh wie wir im Westen 😉 (24